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Hörgeräte @ work – Arbeiten mit Hörgeräten: Mein Interview

Hörgeräte @ work – Arbeiten mit Hörgeräten: Mein Interview

Was machst Du beruflich? Wie alt bist Du und seit wann trägst Du Hörgeräte? Wie stark ist Deine Hörbehinderung?

Ich bin International Sales Manager – jedoch aktuell in Elternzeit.

Ich bin 40 Jahre alt und trage Hörgeräte seit meinem dritten Lebensjahr. Ich habe teilweise einen Hörverlust von 85%, den ich mit Hörgeräten kompensiere.

Was genau können wir uns unter dem Job International Sales Manager vorstellen?

Ich bin verantwortlich für die Gewinnung neuer Mandanten bzw. Kunden: Von der Angebotspräsentation bis hin zur Vertragsgestaltung und Projektumsetzung. 

Wie sieht der typische Tagesablauf eines International Sales Manager aus?

Ich habe flexible Arbeitszeiten und bin auch viel unterwegs, von daher beginnt mein Arbeitstag immer unterschiedlich. In der Regel starte ich morgens am Schreibtisch mit einem Blick auf meinen E-Mail Posteingang inklusive meiner To Do List, bevor ich meine Emails bearbeite und die nächsten Termine vorbereite. Den größten Teil meiner Arbeitszeit investiere ich in die Angebotspräsentation.

Das hört sich an, als wenn Du in Deinem Job auch häufig vor anderen präsentieren musst. Wie machst Du das mit Hörgeräten?

Zunächst einmal, ich präsentiere und repräsentiere sehr gerne! Und wenn Du etwas gerne tust, dann solltest Du Dich nicht durch Defizite, wie in meinem Falle die Hörgeräte, davon abhalten lassen! Aber ich bereite mich auch auf meine Termine entsprechend vor. Vor einem Präsentationstermin wechsel ich in mein „Meeting Programm“. Eine Einstellung, die den Geräuschefilter reduziert hat und die Stimme hervorhebt. So verstehe ich auch jemand in den hinteren Reihen gut, der dann ggf. noch eine Frage hat.

Das heisst problemloses Präsentieren und die Hörgeräte sind kein Hindernis?

Naja, habe ich viele Nebengeräusche, dann kann es schon unangenehm werden. Und wenn alle gleichzeitig reden würden, könnte es schwierig werden. Gott sei Dank ist es bei den Angebotspräsentationen doch immer recht ruhig und es reden nicht alle so durcheinander wie unsere Politiker im Bundestag. Wenn jemand hinten sitzt und sehr leise spricht, macht es mich erst einmal doch sehr nervös. Aber durch extreme Konzentration erfasse ich in der Regel auch, was derjenige sagt. Insofern erst einmal: Ja, problemlos. 

Hast Du schon einmal in einem Meeting bzw. in einem Kundengespräch auf Deine Hörgeräte hingewiesen?

Nein, bei einem Präsentationstermin noch nicht. Ich bin noch nicht in diese Verlegenheit gekommen, das tun zu müssen. Wo ich es allerdings schon gemach habe ist bei Abendveranstaltungen, Essen mit lauten Hintergrundgeräusche. Oder wenn wir jemand etwas zuflüstert… dann höre ich leider ganz schlecht, das klappt gar nicht. So mochte ich auch als Kind schon nie „Stille Post“ spielen. Flüsternde Leute um mich rum sind tatsächlich lästig, Gott sei Dank gehört sich das ja auch nicht.

Wie empfindest Du denn den Geräuschpegel beruflichen Reisen? Orte, mit vielen Menschen, wie der Flughafen? Oder auch eine Messe?

Mal so, mal so. Im Flugzeug finde ich es manchmal sehr lästig, das monotone Geräusch der Triebwerke ist sehr laut und oft unangenehm. Gott sei Dank muss ich im Flugzeug keine wichtigen Unterhaltungen führen. Anders ist es tatsächlich bei Messen und die Hauptgeräuschkulisse mit vielen Menschen: Hier habe ich wenig Probleme… auf keinen Fall mehr Probleme als normal hörende! Die automatische Störgeräuschunterdrückung und das Hervorheben der menschlichen Stimmen im Hörgerät helfen dabei.

Wie ist es denn beim Telefonieren? Benutzt Du ein spezielles Telefon oder die Telefon Funktion in Deinem Hörgerät?

Nein, weder noch. Ich benutze ganz normale Telefone und keine Telefon Funktion im Hörgerät, welches über die App möglich wäre. Voraussetzung an das Telefon ist, dass die Lautstärke regulierbar ist, das ist mittlerweile eigentlich Standard. Das andere ist, dass ich den Anspruch an das Hörgerät habe, mir das Telefonieren mit einem normalen Telefon zu ermöglichen, damit ich nicht eingeschränkt bin im alltäglichen und beruflichen Ablauf. Ich möchte in diesem Falle nicht umstellen müssen auf eine Telefon Funktion.

Hast Du bereits in deinem Bewerbungsgespräch mitgeteilt, dass Du ein Hörgerät trägst?

Nein, ehrlich gesagt nicht!

Ich habe meine Bewerbungsrunden bisher ganz normal durchgeführt, ohne das Hörgerät zu erwähnen. Ich weise erst auf mein Hörgerät hin, wenn ich merke, dass ich in einer Position bin, mich erklären zu müssen bzw. ich mich in einer Situation befinde, dass ich wirklich schlecht höre, zum Beispiel bei unangenehmen Nebengeräuschen oder einem Defekt.

Bin ich in einem neuen Team, so habe ich im ersten oder auch zweiten Team Meeting darauf hingewiesen, dass ich Hörgeräte trage. Und dass man es mir bitte nicht übel nehmen möchte, wenn ich nicht gleich reagiere, wenn ich von der Seite angesprochen werde. Dieses wurde bisher immer überrascht „Was, Du trägst Hörgeräte?“ und auch locker und verständnisvoll aufgenommen wie „Ok, alles klar, wissen wir Bescheid!“

Würdest Du jemals Deine Berufswahl abhängig machen von Deinen Hörgeräten?

Oh, fiese Frage! Controllerin werden, weil ich da ggf. mehr mit Zahlen zu tun habe, als im Kontakt mit den Menschen zu sein? Nein.

Ich komme ursprünglich aus der Gastronomie, ein serviceorientierter Beruf, in dem ich, wie auch im Sales Management, den Kunden auch sehr genau verstehen muss! Vielleicht kompensiere ich das ganze durch gewisse Empathie… ich weiß es nicht. Ich bin einfach gerne mit Menschen zusammen. Ich möchte das machen, was mir Spaß macht! … ich kann aber nicht für andere sprechen, vielleicht fühlt sich jemand anderes wohler, wenn er nicht im ständigen Dialog herausgefordert wird, sondern sich zielgerichtet um eine Analyse kümmern kann.

Hast Du Dich auf Grund der Hörgeräte schon einmal krank gemeldet?

Lach. Nein. Ist ein Hörgerät defekt, ist mein Hören natürlich deutlich eingeschränkt… aber ich kann ja trotzdem arbeiten. Die Wahrscheinlichkeit, dass beide Hörgeräte gleichzeitig kaputt sind, ist sehr sehr gering. Und außerdem ist mein Anspruch an den Akustiker auch, mir sofort ein Leihgerät zur Verfügung stellen zu können und mit den neuesten, multivariablen Passstücken ist das auch gut möglich.

Verrätst Du uns eine Situation in deinem Job, die Dir auf Grund Deiner Hörgeräte absolut peinlich war?

Oh ja, es sind mir mitten in einem Meeting tatsächlich einmal die Batterien beider Hörgeräte parallel ausgegangen! Zuerst ist ja immer ein Warnton, dann ist in der Regel noch ein Puffer von ein paar Minuten. Ich habe es drauf ankommen lassen. Keine Batterien gewechselt, sondern abgewartet und geglaubt, ich kann es nach dem Meeting lösen. Ausgerechnet, als es auch noch um mein Thema ging .. saß ich da und hörte NICHTS. Sah wirklich nur, wie sich die Lippen bewegten. Peinlich! Ich war nur froh, dass es „nur“ meine Kollegen waren und keine potentiellen Kunden oder ein externes Projekt!

Seitdem habe ich immer einen bestimmten Rhythmus, an dem ich morgens meine Batterien wechsel, auch, wenn sie noch nicht leer sind. So kann ich mir sicher sein, dass mir so etwas nicht wieder passiert!

Gibt es auch Situationen, in denen Du überrascht warst, wie positiv Deine Hörgeräte angenommen werden?

Es kostet mich doch immer wieder mal Überwindung Leuten mitzuteilen, dass ich ein Hörgerät trage. Und eigentlich ist die Reaktion immer positiv, oder besser noch, gleichgültig: Entweder: „Echt, Du trägst ein Hörgerät? Das sieht man ja gar nicht!“ oder “Ah, ok. Alles klar. Gut“ … und schon wird das Thema gewechselt. 

Viele Kollegen sind auch neugierig und fasziniert von der Technik: „Was? Du kannst per App das Programm wechseln? Oder die Lautstärke regulieren? Abgefahren!“ Und es gibt tatsächlich auch einen Vorteil…  Wenn Du Ruhe brauchst, um Dich konzentrieren zu können, hast Du es in der Hand. Praktisch in einem Großraumbüro. Ich habe es sehr selten gemacht… aber habe meine Hörgeräte tatsächlich schon mal während der Arbeit einfach abgeschaltet! Das habe ich dann gemacht, als ich unter Zeitdruck stand und unbedingt Ruhe für eine Präsentationsvorbereitung brauchte. Gleichzeitig ist das aber auch unentspannt, weil ich mich die ganze Zeit hektisch umsehe, da ich es nicht hören würde, wenn jemand in den Raum kommt.

 

Habt ihr noch weitere Fragen zu dem Interview?

Fallen Euch noch weitere Fragen an Janine ein? Dann schreibt uns gerne, wir nehmen diese dann auf und fügen sie hinzu.

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