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Phonak Lyric – Das erste unsichtbares Hörgerät als Abo: Fluch oder Segen?

Phonak Lyric – Das erste unsichtbares Hörgerät als Abo: Fluch oder Segen?

Hörgeräte Träger kennen es sicher bzw. haben schon von dem Phonak Lyrics gehört. Die Werbung ist großartig, das Produkt spricht sofort an. Endlich ein Hörgerät, welches unsichtbar ist und mir ein natürliches Hören ermöglicht!

Wollen wir nicht alle ein Hörgerät, welches wir auch beim Schwimmen und Duschen tragen können? Ein Welches wir auch nachts beim schlafen tragen können? Bei dem wir keine Batterie wechseln müssen und welches zudem noch unsichtbar ist und uns ein natürliches Klanggefühl ermöglicht?

Aber steht Preis und Leistung im Verhältnis?

Das Phonak Lyrics ist das erste Hörgerät auf dem Markt, welches ständig im Ohr getragen wird. Es wird vom Hersteller Phonak auch als das heimliche Hörgerät beworben.

Ich habe es im Sommer 2016 ausprobiert!

Die Anpassung erfolgt beim Akustiker. Es stehen dem Akustiker unterschiedliche Größen zur Verfügung. Der Gehörgang wird dann gemessen und dementsprechend wird die passende Größe des Phonak Lyric direkt im Gehörgang platziert. Mit professionellem Geschick des Akustikers sitzt es gleich wunderbar, wenn er die richtige Größe erwischt hat. Passt es nicht, kommt die nächste Größe… und das andere Modell wird entsorgt und kann auch nicht wieder verwendet werden. Es wird einfach entsorgt, wo ich mich dann frage, warum es denn so teuer ist. Aber dazu komme ich später.

Das Phonak Lyrics wird nur in Form eines Abo Modells angeboten.

Das Phonak Lyrics wird ca. 3 Monate ständig im Ohr getragen und anschließend beim Akustiker gegen ein neues Gerät ausgetauscht. Ich habe gehört, dass es eigentlich alle 2 Monate ausgetauscht werden muss. Dafür entfällt jedoch der Batteriewechsel.

Mit wurden die Kosten von 139 EUR im Monat je Gerät genannt. Da ich auf beiden Seiten schwerhörig bin, kommen die Kosten doppelt zum Tragen. Das entspricht 1.668,00 EUR je Gerät, in Summe dann 3.336,00 EUR im Jahr. Bei einer durchschnittlichen Tragedauer der Hörgeräte von 6 Jahren haben mich die Geräte in Form eines Abo Modells dann in der Zeit 20.016 EUR gekostet!

Puh… da muss ich dann doch erst einmal schlucken! Das Geld hat sicher nicht jeder normal verdienende auf der Seite.

Nun möchte ich das Gerät aber erst einmal, unabhängig von den Kosten, ganz neutral betrachten:

Was mich beim Probetragen des Phonak Lyric besonders beeindruckt hat:

  • Das natürliche Hören! Es ist in der Tat noch einmal ein ganz anderes Sprachverständnis und Klanggefühl im Vergleich zu digitalen Geräten, die zwar technisch mehr leisten, sich aber nicht des natürlichen Klanges und Nutzen der Ohrmuschel bedienen können. Und meine eigene Stimme klingt endlich wieder schön!
  • Das Gerät ist absolut unauffällig, sitzt sehr bequem und ist extrem komfortabel in der Handhabung. Ich kann es ständig tragen und ich habe den Luxus verspürt, kurz vergessen zu können, dass ich ein Hörgerät trage. Zudem müssen keine Batterien gewechselt werden.

Das macht mich skeptisch beim Phonak Lyric bzw. empfinde ich als negativ:

  • Der Batteriewechsel bleibt erspart, dafür muss ich alle zwei bis drei Monate zum Akustiker, um das Gerät zu tauschen. Zudem kann es passieren, dass es zwischendurch nicht richtig sitzt, auch dann muss ich hin.
  • Das Phonak Lyric ist nicht in der Lage einen extremen Hörverlust zu kompensieren und stößt schnell an seine Grenzen. Es ist für leicht- bis mittel schwerhörige Menschen geeignet.
  • Die Kosten!

Es war großartig das Gerät testen zu dürfen! Ein ganz neues Hörgefühl und Hörerlebnis.

Und doch bin ich wirklich froh, dass das Phonak Lyric für mich nicht infrage kommt, da die Leistung nicht ausreicht, um meinen Hörverlust in allen Alltags- und Berufssituationen zu kompensieren.

Ich bin deswegen erleichtert, weil ich somit nicht in Verlegenheit komme, darüber nachzudenken, ob ich mir das leisten kann. Ich bin 40 Jahre alt – gehen wir mal davon aus, dass ich 80 werde, also weitere 40 Jahre ein Hörgerät trage. Dann kostet mich das Abo Modell 133.440 Euro! … sollten sich die Preise mittel- bzw. langfristig nicht ändern!

Die Krankenkassen zahlen bis dato nichts dazu – das Phonak Lyric ist ein reines Privatprodukt.

Nun, warum sind denn die Kosten so hoch? Sicher, der Akustiker muss auch daran verdienen und alle 2-3 Monate gibt es ein neues Gerät. Und der Service muss bezahlt werden, denn angeblich steht einem weltweit ein Phonak Lyric Service zur Verfügung. Super – zu meinen Zeiten in denen ich beruflich viel unterwegs war sehr hilfreich.

Wir waren während meiner Zeit des Probetragen auf Sylt und das Gerät auf einer Seite ist verrutscht. Ich musste es rausnehmen und kann es ja alleine nicht wieder rein setzen. Und nun? Wo ist der nächste Service? Nicht auf Sylt, auch nicht auf dem Festland in Niebüll oder Flensburg, was sicher vertretbar wäre – sondern ich musste zurück nach Hamburg! Mmmh. Dafür die Kosten?

Die Herstellungskosten eines Gerätes liegen scheinbar unter 12,00 EUR, wenn ich es richtig vermute und ableite aus vorhandene Informationen. Der Akustiker zahlt knapp 20,00 EUR. Es ist zu berücksichtigen, dass das Gerät alle 3 Monate getauscht werden muss.

Mein Fazit:

Das Phonak Lyric ist großartig für eine leichte bis mittlere Schwerhörigkeit! Den natürlichen Hörkomfort kann ich nur bestätigen. Es ist ein großartiges Gefühl, vergessen zu können, ein Hörgerät tragen zu müssen!

Die Kosten sind für einen „Otto Normalverbraucher“ kaum tragbar – Was ist denn eure Meinung? Für wen kommt denn das Gerät nun in Frage?

Es sind die „älteren“ Leute, deren Lebenserwartung nicht mehr meine 40 Jahre beträgt und sich somit ihre Lebensqualität auf die letzten Jahre erheblich steigern können. Die Ausgaben für diese Zielgruppe ist überschaubar und kalkulierbar.

Liebes Phonak Team, liebe Hörgeräte Hersteller, liebe Krankenkassen, meine Bitte: Lasst Euch was für die Zukunft einfallen, damit auch die Hörgeräte Träger meiner Generation und auch jünger ein natürliches Hörerlebnis verspüren dürfen. An der Technik arbeitet ihr hoffentlich schon fleißig, so dass es auch für hochgradig Schwerhörige möglich ist, es zu nutzen.

Nun vergisst bitte auch nicht, auch das Preismodell zu überdenken!

 

Habt ihr auch Erfahrungen mit dem Phonak Lyric?

Ich freue mich über Euer Feedback zu meinem Artikel!

2 Comments
  • Avatar
    Horst Hinkel
    Geschrieben am 21:20h, 02 Dezember Antworten

    Hallo Janine, danke für den Bericht. Ich bin 48 und leide seit 1) ca 40 Jahren aufgrund einer nicht erkannten Mittelohrentzündung an Hörverlust und 2) bin ich genetisch vorbelastet mit einer Krankheit, die dominant vererbt wird und in 99 Prozent auch zu Hörverlust führt (BOR). Schon nach der Mittelohrentzündung hatte ich ca 10-20 Dezibel Verlust, kam aber ohne Hörgeräte aus, habe auch in der Schule in der letzten Klasse Alles verstanden. In den 90ern beim Bund als Zeitsoldat wurde ich vom Zugführer zum Arzt geschickt, Hörtest machen. Trotzdem schaffte ich es 94, mit ein bisschen “ Drücken obwohl kein Ton zu hören war“ in meinen neuen Beruf, in welchem gut hören Einstellungensvoraussetzung war. Ab 2008 jedoch ging’s im Sturzflug nach unten. Hörte ich 94 noch Stechmücken und Weckerticken so bin ich heute soweit, dass ich das Türklingeln nicht mehr höre. Aber nicht nur das Hören macht mir Sorgen, die Sprachverständlichkeit hat sehr stark nachgelassen. So ging ich vor 5 Jahren dann doch zum HNO und dann zum Akkustiker. Vorab habe ich mich schon etwas schlau gemacht,cwas es überhaupt für Geräte gibt und das Lyric war mein Topfavorit, trotz des Preises. Die Akkustikerin gab jedoch an, dass aufgrund meines Horabfalls in der Kurve ich das Lyric nicht tragen kann. Mein Hörverlust lag da so zwischen 30-50 Dezibel links und rechts 40-70. So bekam ich Phonak Virto Q im Ohr Geräte. Und ja, ich schäme mich irgendwie irgendwo ganz sehr, in meinem Beruf Hörgeräte tragen zu müssen. Trotzdem war ich froh und dankbar. Vögel waren wieder zu hören, Klingeln, Stimmen, zum Großteil wieder gut. Seit ca 1 Jahr bemerke ich jedoch, wie ich noch schlechter höre, Klingeln trotz Geräte nicht höre, Stimmen nicht mehr verstehe. Ich muss zum nachjustieren, erstmalig. Die Rückholfädchen sind beidseitig abgerissen, so wird es langsam Zeit. Da ich auch als Referent eingesetzt werde, ganz problematisch, wenn man nicht gut hört. Natürlich leide ich auch den ganzen Tag unter Tinnitus…… Weil ich weiß das mein Hörverlust aufgrund meines Gen Defektes nicht zu stoppen ist denke ich bereits über privat gekaufte Hörverstärker nach. … Als Schüler in der Grundschule ab 1976 ließ die Klassenlehrerin immer eine Büroklammer auf das Parkett fallen, das habe ich einwandfrei gehört, bis zur Mittelohrentzündung…. So schlimm geht es Dir hoffentlich nicht.

    Danke nochmals für den Bericht, der Einzige, den ich über Lyric gefunden habe

    Gruß

    • janine.franck
      janine.franck
      Geschrieben am 00:25h, 05 Dezember Antworten

      Hallo Horst, vielen Dank für Deine Nachricht! Ja, Hörgeräte zu tragen ist immer noch ein tabu! Und viele tun sich schwer mit der Akzeptanz. Ich hoffe, einen Teil dazu beitragen zu können, dass Hörgeräte besser akzeptiert werden. Und das Spannende ist ja, dass alle anderen um einen rum, Kollegen und Freunde, das Hörgerät ja gar nicht schlimm finden.
      Interessant, dass Du bisher noch nichts über das Phonak Lyric gelesen hast. Eine tolle Technik, dem natürlichen Hören im Alltag nahe zu kommen. Das Kostenmodell jedoch aus meiner Sicht nicht tragbar.
      Zu Deiner Hörgeräte Wahl: Vielleicht probierst Du es als nächstes Mal mit einem IdO von Audio Service Atelier mit der Technik von Signia. Ich habe es mir extra klein bauen lassen und es klappt. Trotz Hörverlust von bis zu 85 DB beidseitig. Wenig sichtbar und sehr leistungsstark.
      Viele Grüße, Janine

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